Mit leiser Stimme ohne Worte

350 Jahre Theatinerkirche in München – Verkündigung durch Architektur und Tabernakel

Was ist eine leise Stimme? Eine Stimme jenseits von Akustik und Dezibel? Eine Stimme, die nicht zu sprechen braucht, aber dennoch hörbar ist. Das ist eine Stimme, die durch ein Dasein „sprechen“ kann. So wie etwa eine Kirche, die „da“ ist, sprechen kann. Sie verkörpert eine leise Stimme durch ihre Präsenz. Unser Autor P. Johannes Zabel OP ist Kirchenrektor an der Theatinerkirche St. Kajetan in München und nahm ihr 350-jähriges Weihejubiläum in 2025 zum Anlass, der Stimme „seiner“ Kirche nachzuspüren.

Kirchen sind immer präsent, besonders unsere Theatinerkirche St. Kajetan im Herzen der Münchner Innenstadt. Gegenüber der Residenz der Kurfürsten und Könige wurde sie am Odeonsplatz gebaut und ist eine imposante Erscheinung. In den Messen und Predigten wird hier mit lauter Stimme Gottes Wort verkündigt. Aber zuvor und danach spricht die Kirche mit einer leisen Stimme ohne Worte aus sich selbst heraus und verkündet die Herrlichkeit und Botschaft Gottes – durch Architektur und Tabernakel.

Können denn Steine sprechen? Sie können es. Und sei es durch ihre Geschichte, die in die Gegenwart hineinragt. Diese „Sprache“ ist nicht die einer Nützlichkeit, um etwa Informationen zu vermitteln. Es ist vielmehr die Sprache eines Staunens, die im Zeitalter der künstlichen Intelligenz vielleicht zurückgedrängt wird. Und diese Stimme des Staunens muss auch nicht übersetzt werden, weil das Staunen nicht in Worte gefasst werden muss oder sogar kann. Wenn Worte nicht gefunden werden können, bleibt dennoch eine leise Stimme. Kann nicht Sprachlosigkeit durch Staunen auch eine leise Stimme darstellen? Der offene Mund des Staunens mag keinen Laut hervorbringen, ist aber dennoch der Ausdruck einer Stimme, die nur in diesem Augenblick noch kein angemessenes Wort finden kann.

In der Theatinerkirche ist diese Form einer leisen Stimme zu spüren, auch wenn die Kirche angesichts der vielen Touristen in ihr nicht immer leise sein kann.

Nun haben wir im Juli 2025 ein großes Jubiläum gefeiert – die Kirche wurde vor 350 Jahren eingeweiht. Zur Festmesse kam unser Erzbischof, Reinhard Kardinal Marx, und die Kirche war ein volles Gotteshaus. Verschönert wurde der Gottesdienst mit der Krönungsmesse von Wolfgang Amadeus Mozart unter der Leitung von Pater Robert Mehlhart OP, der vom Münchner Konvent nach Rom ging und dort Rektor des Päpstlichen Musikinstitutes ist. Im Anschluss an die Festmesse haben wir Dominikaner einen Empfang gegeben, der im benachbarten „Odeon“ des Innenministeriums stattfinden konnte, da an der Kirche leider keine eigenen Räume vorhanden sind. Das ehemalige Theatinerkloster hat nun mit dem Kultusministerium Bayerns eine andere Nutzung erhalten.

Foto links: Pater Robert Mehlhart OP und Orchester in der Kirche St. Kajetan beim Weihejubiläum. Foto rechts: Kirchenrektor Pater Johannes Zabel OP hält die Jubiläumsrede beim Empfang. (Fotos: David Moll)

Ausdruck eines Gelübdes

Der Bau der Theatinerkirche ist Ausdruck eines Gelübdes des damaligen Kurfürsten-Ehepaares. Ein Gelübde kann still sein, nur zu Gott ausgesprochen. Oder es kann laut vernehmbar sein wie bei einer Ordensprofess. Diese Worte eines vor etwas mehr als 350 Jahren vom Kürfürsten-Paar nach kinderlosen Ehejahren abgelegten Gelübdes wurden zur Tat: es möge ihnen ein Kind geboren werden und sie würden dann eine Kirche bauen. Der Wunsch erfüllte sich, ein Sohn wurde geboren und die Kirche dann gegründet und 1675 eingeweiht. Diese Kirche ist eine Stimme Gottes in der Stadt und für die Stadt. Nicht aus einer Nützlichkeit heraus, denn es gab bereits damals genug Kirchen. Aber eine Stimme zur Demonstration der Herrlichkeit Gottes und Sinnlichkeit der Kunst. Eine Stimme ohne Worte. Deshalb leise und doch zugleich laut.

Pater Johannes Zabel OP (kl. Foto) ist Prior des Münchner Dominikanerkonvents und Kirchenrektor an der Theatinerkirche St. Kajetan, die den Dominikanern seit 1954 zur seelsorglichen Betreuung anvertraut ist.

Der Artikel ist erschienen in:
kontakt. Freundesgabe der Dominikaner in Deutschland und Österreich, Nr. 53 (2025/26), S. 42-43. Dominikanerprovinz des Hl. Albert in Deutschland und Österreich (Hg.).

Blättern Sie hier digital in der aktuellen Ausgabe „kontakt 53“ und laden Sie sich das Magazin als PDF herunter!

(Großes Foto oben und Aufmacherfoto auf der Startseite: Siegfried Wameser; Foto Porträt: Stefan Ahlers)